Ciscos KI-Assistent: Ein Alleskönner für den Arbeitsalltag
Um die Produktivität zu steigern und Shadow AI zu verhindern, stattete Cisco seine 90.000 Mitarbeiter mit einem KI-Assistenten aus Sundry Photography – shutterstock.com
Seit dem Aufkommen von ChatGPT versuchen Unternehmen, das Potenzial generativer KI als digitalen Assistenten in konkrete Produktivitätsgewinne für möglichst viele Beschäftigte zu übersetzen. Der Netzwerkausrüster Cisco zählt dabei zu den Vorreitern.
„Die ursprüngliche Idee für einen internen Assistenten entstand bei Cisco, als ChatGPT und andere KI-Tools für Endverbraucher Ende 2022 und Anfang 2023 auf den Markt kamen. Damals diskutierte das Cisco-Management, ob die Nutzung solcher Dienste durch Mitarbeiter erlaubt werden sollte“, erklärt Srini Namineni, Chief Automation Officer bei Cisco.
„Die große Frage lautete: Sollten wir den Zugriff tatsächlich sperren?“, erinnert er sich. „Die Risiken lagen auf der Hand, denn Mitarbeiter könnten Unternehmensdaten eingeben, die dann für andere sichtbar werden. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden und gesagt: Statt die Nutzung zu verbieten, stellen wir eine sichere Alternative bereit.“
Ein KI-Assistent für 90.000 Mitarbeiter
Der Ende 2023 eingeführte interne KI-Assistent sollte zugleich verhindern, dass sich im Unternehmen eine Vielzahl unterschiedlicher KI-Lösungen etabliert. Stattdessen setzte Cisco auf eine zentrale Plattform, die den Beschäftigten dennoch die Flexibilität bietet, verschiedene KI-Modelle zu nutzen.
Anfangs unterstützte der KI-Assistent Azure OpenAI und Google Gemini. Heute lassen sich laut Namineni neue Modelle innerhalb weniger Wochen integrieren, sobald Mitarbeiter entsprechende Anforderungen äußern. Aus dem ursprünglichen Chatbot sei inzwischen eine vielseitige Plattform geworden, die Funktionen eines Copiloten, Programmierassistenten und HR-Helfers vereine und Mitarbeiter bei einer Vielzahl von Aufgaben unterstütze.
Der KI-Assistent, der Cisco den 2026 CIO 100 Award für IT-Innovation und Führungsstärke einbrachte, spart den Ingenieuren nach Angaben des Unternehmens durchschnittlich sechs Stunden pro Woche; Mitarbeitern in anderen Bereichen rund fünf Stunden.
Während die Hauptziele des Projekts Sicherheit und Flexibilität waren, hat Cisco einen dritten Vorteil entdeckt: Mit monatlichen Kosten von etwa zehn Dollar pro Nutzer liegt der interne KI-Assistent laut Namineni unter den Abopreisen mehrerer handelsüblicher KI-Assistenten.
KI-Risiken reduzieren
Der Assistent steht den Beschäftigten seit 2024 zur Verfügung. Im ersten Quartal 2026 nutzten ihn bereits mehr als 96.000 Mitarbeiter – das entspricht einer Nutzungsquote von 90 Prozent. Auch die Resonanz fällt laut einer unternehmensinternen Befragung positiv aus:
79 Prozent der Beschäftigten sind der Meinung, dass ihnen der Assistent Zeit spart,
72 Prozent sehen eine höhere Produktivität und
71 Prozent bescheinigen ihm eine Verbesserung der Qualität ihrer Arbeit.
Ein konkretes Beispiel ist die Softwareentwicklung: Dort unterstützt der Assistent Entwickler dabei, selbst kleinste Programmierfehler aufzuspüren und automatisiert Unit-Tests zu erstellen. Dadurch habe sich der Entwicklungsprozess deutlich beschleunigt, so Cisco.
Namineni und sein Team sorgen kontinuierlich dafür, dass der Assistent neue Funktionen erhält. Dadurch bietet er inzwischen mehr Möglichkeiten als mancheam Markt erhältliche Standardlösung. So können Mitarbeiter über den Assistenten KI-Prompts untereinander austauschen und Personalaufgaben wie das Beantragen von Urlaub erledigen, ohne sich bei einem anderen Dienst anmelden zu müssen.
Darüber hinaus lassen sich unternehmenseigene Datensätze in geschützte OneDrive-Ordner hochladen, um maßgeschneiderte KI-Projekte umzusetzen. Außerdem stellt Cisco Retrieval-Augmented Generation (RAG) als Dienst bereit, sodass Beschäftigte interne Dokumente und Metadaten sicher per KI durchsuchen und abfragen können.
Laut Cisco basiert das Projekt auf einer Microservices-Architektur, die eine schnelle Einbindung neuer KI-Anwendungen ermöglicht. Das Unternehmen versteht den Assistenten als KI-Teamkollegen und verfolgt langfristig die Vision, jedem Beschäftigten ein virtuelles Team aus KI-Agenten zur Seite zu stellen.
Der nächste Entwicklungsschritt
Namineni plant bereits weitere Funktionen. Künftig sollen personalisierte KI-Agenten jeden Mitarbeiter dauerhaft unterstützen. Mit entsprechender Berechtigung könnten diese Agenten auf E-Mails und Webex-Konten zugreifen und eigenständig Aufgaben übernehmen. So könnte ein persönlicher Agent beispielsweise E-Mails nach Priorität sortieren.
Auch im Personal- und Finanzwesen sieht der Automatisierungsspezialist weiteres Automatisierungspotenzial. Ziel sei es, Mitarbeitern von Routinetätigkeiten zu entlasten, damit sie sich auf anspruchsvollere Aufgaben konzentrieren können.
Die Kontrolle soll jedoch weiterhin beim Menschen bleiben. „Ich bin nicht bereit, die Kontrolle zu 100 Prozent abzugeben – außer bei Aufgaben mit geringem Wert, bei denen ein Fehler akzeptabel wäre. Denn die KI macht Fehler“, so Namineni. „Unsere Herausforderung besteht darin, diese Leistungsfähigkeit gezielt auf Anwendungsfälle zu beschränken, in denen sie möglichst viel Arbeit übernehmen kann, während der Mensch weiterhin in den Prozess eingebunden bleibt.“
Neben dem „CIO 100 Award“ hat das Cisco-Projekt auch weitere Auszeichnungen erhalten. Der KI-Assistent könne als Vorbild für andere Großunternehmen dienen, die ihre Mitarbeiter dazu ermutigen möchten, KI sicher zu nutzen, erklärt Amy Loomis, Group Vice President für Workplace Solutions bei IDC.
Der Logik folgen
Andere Unternehmen könnten die Logik dieses Ansatzes übernehmen, auch wenn sie möglicherweise nicht den spezifischen technischen Stack von Cisco kopieren wollten, so die Analystin. Die Architektur, einschließlich der Integration dualer Modelle, der hybriden Multicloud-Orchestrierung, RAG-as-a-Service und Microservices, spiegele die Größe und die technischen Kapazitäten von Cisco wider, merkt Loomis an.
Entscheidend sei vielmehr die zugrundeliegende Strategie: Unternehmen sollten ihren Beschäftigten frühzeitig eine zentral gesteuerte interne KI-Umgebung bereitstellen, bevor sich unkontrollierte Shadow AI etabliert. Zudem gelte es, die Vielzahl einzelner KI-Werkzeuge über eine einheitliche, intelligente Oberfläche zusammenzuführen, klare Zugriffs- und Verantwortungsregeln zu schaffen und KI als Instrument zu positionieren, das die Qualität und Reichweite der menschlichen Arbeit verbessert.
Die eigentliche Innovation sieht Loomis nicht in einzelnen Technologien, sondern in deren Zusammenspiel. Komponenten wie RAG-Pipelines, der Zugriff auf GPT-4o, die OneDrive-Integration oder eine Microservices-Architektur seien zwar auch anderswo verfügbar. Cisco habe sie jedoch zu einer integrierten Unternehmensplattform zusammengeführt.
„Weniger verbreitet ist es, all diese Komponenten in einer zentral verwalteten, unternehmenseigenen Umgebung mit klar definierten Datenkontrollen zu kombinieren, anstatt Mitarbeiteranfragen an externe KI-Dienste weiterzuleiten, bei denen sensible Informationen in öffentliche Trainingsdatensätze gelangen könnten“, erklärt die Gartner-Analystin.
Als Beispiel nennt Loomis die Funktion „My Projects“, über die Mitarbeiter firmeneigene Datensätze in gesicherten OneDrive-Ordnern speichern und anschließend mithilfe der KI gezielt auswerten oder befragen können. Dadurch erhielten sie die benötigten Funktionen, ohne auf nicht autorisierte externe KI-Dienste ausweichen zu müssen.
Lob findet sie außerdem für Ciscos grundsätzliche Positionierung von KI. Das Unternehmen verstehe künstliche Intelligenz nicht als Ersatz für Beschäftigte, sondern als Verstärker ihrer Fähigkeiten.
„Jedem Mitarbeiter einen Satz von KI-Werkzeugen bereitzustellen, der auf die jeweilige Rolle und den Arbeitskontext abgestimmt ist, ist ebenso eine Frage des Change Management wie der Technologie“, erklärt sie. „Unternehmen, die KI als Werkzeug zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und nicht als Ersatz für menschliche Arbeit präsentieren, erzielen in der Regel eine höhere Akzeptanz, weil sie Widerstände gegen die Einführung neuer Technologien abbauen.“ (mb)
Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der Schwesterpublikation CIO.com.
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